Denkanregungen – inspirierende Gleichnisse und Gedanken
Was kommt dabei heraus, wenn du dich von einem Gedanken inspirieren lässt und ihn konsequent weiterverfolgst? Hier kannst du es ausprobieren! Zu kurzen Texten stellen wir eine Reihe von Fragen. Diese Fragen sind nur als Anregungen gedacht. Du kannst sie selbstverständlich ignorieren und deinen eigenen Gedankenwegen folgen. Wenn du zu wichtigen Ergebnissen kommst, teile sie uns mit, damit alle davon profitieren können!
Die ersten drei Gedankenanstöße beginnen mit einem Märchen. Dabei machen wir uns zunutze, dass viele Märchen auf uralte Überlieferungen zurückgehen und unter fantastischen Ausschmückungen einen Kern von Wahrheit verbergen. Diesen Kern, der in der Regel für die Beliebtheit und die Verbreitung der Märchen in allen Kulturen verantwortlich ist, versuchen wir durch gezielte Fragen herauszuschälen. Dann erweist sich in vielen Fällen, dass die Kernaussagen der Märchen mit theosophischen Konzepten gut vereinbar sind. Märchen sind ebenso wie die Theosophie eine Überlieferung alter Weisheit, sprechen allerdings eine andere Zielgruppe an, verpacken die Wahrheiten anders und verhüllen sie oft sehr gründlich.

Wähle dein Thema
- Burmesisches Märchen über das Teilen
- Frau Holle
- Sterntaler
- Schönheit und Harmonie
- Harmonie & Ethik
- Karma: Das Wiegen des Herzens
- Karma: Zwei Seiten einer Münze
- Karma: Die Summe des Lebens
- Persönlichkeit und Individualität
- Seele und Geist
- Schlaf und Tod
- Der Tod – eine Trennung
- Wiedergeburt: Zusammenführung von Seelen
Burmesisches Märchen:
Über das Teilen

Dieses alte Märchen stammt aus Burma, heute als Myanmar bekannt. Das Land in Südostasien ist vom buddhistischen Glauben und seinen Traditionen geprägt.
In einem Dorf lebten zwei verwaiste, arme Geschwister, um die sich niemand kümmerte und die oft hungrig einschliefen. Als ihr Acker wegen einer großen Dürre keinen Ertrag mehr brachte und es in der Provinz zu einer Hungersnot kam, nahmen sie ihr letztes Geld, um Reis zu kaufen. Sein Preis war extrem angestiegen, so dass abzusehen war, dass sie mit der geringen Menge Reis, die sie erwerben konnten, nicht lange überleben würden. Dennoch lud der Bruder eine alte Frau zum Essen ein, die er vorher aus einer bedrohlichen Lage gerettet hatte, die erschöpft und hungrig war und an der vorher viele achtlos vorübergegangen waren. Die Schwester schimpfte, begann dann aber Reis zu kochen. Die alte Frau wies sie zu ihrer Verwunderung an, nur sieben Reiskörner in das kochende Wasser zu geben. Trotz ihrer Zweifel folgte sie diesem Rat. Als hieraus ein ganzer Topf voller Reis wurde, konnten sie sich alle satt essen. So geschah es während der Dürre jeden Tag. Der Acker, der bald wieder bewirtschaftet werden konnte, lieferte siebenmal mehr Ertrag als zuvor. Die umliegenden Bauern beobachteten das argwöhnisch und stahlen ihnen eines Nachts alle Reisvorräte, doch auf Geheiß der alten Frau trugen Ameisen sie wieder zurück. Wütend wollten sie sich nun mit Gewalt den Reis holen, doch die alte Frau wusste das zu verhindern, und so ließen sie von ihnen ab. Nachdem die alte Frau die Geschwister verlassen hatte, erschien sie ihnen noch einmal im Traum und bat sie, ihr jeden Tag sieben Reiskörner zu opfern. Beide versprachen es und mussten seitdem nie mehr Hunger leiden.
Jan-Philipp Sendker: Das Geheimnis des alten Mönches – Märchen und Fabeln aus Burma. München 2019, 144-147: Über das Teilen
Anregungen:
Was könnte der Grund dafür sein, dass der Bruder mit der alten Frau teilen wollte, obwohl der Reis für die Geschwister selbst nicht lange reichen würde?
Was ist die Hauptaussage des Märchens? .
Frau Holle

Das Märchen wurde von den Gebrüdern Grimm erstmals 1812 veröffentlicht. Die Motive lassen sich bis in die germanische Mythologie zurückverfolgen, sind aber auch in anderen Kulturkreisen nachweisbar.
Ein schönes und fleißiges Mädchen lebt bei seiner Stiefmutter, die es laufend schikaniert und ihre eigene, aber faule Tochter vorzieht. Als der Stieftochter eine Spindel in den Brunnen fällt, muss sie hineinspringen, um sie zurückzuholen. Sie erwacht in der Welt von Frau Holle. Noch bevor sie diese trifft, erwarten sie einige Aufgaben: rufende Brote aus einem Backofen wollen vor dem Verbrennen gerettet werden, ein Apfelbaum bittet darum, von seiner übergroßen Apfellast befreit zu werden. All das tut das fleißige Mädchen bereitwillig. Schließlich nimmt Frau Holle sie in ihren Dienst, und sie schüttelt fleißig Betten aus und sorgt so für Schnee in der Welt. Als das Heimweh sie übermannt, schickt Frau Holle sie durch ein Tor wieder in ihre Welt zurück. Im Tor wird sie für ihren Dienst zum Dank von einem Goldregen überschüttet.
Durch den reichen Lohn verlockt, schickt die Stiefmutter auch ihre hässliche und faule Tochter in den Brunnen hinab. Diese weigert sich aber, den Backofen zu leeren und den Baum zu schütteln, und im Dienst bei Frau Holle gibt sie sich nur am ersten Tag etwas Mühe. Unzufrieden schickt Frau Holle sie durch dasselbe Tor nach Hause, doch statt Gold regnet Pech auf sie herab.
Anregungen:
Wie passt das Märchen zu unserem Empfinden für Gerechtigkeit?
Was charakterisiert die Goldmarie und was die Pechmarie?
Welche Rolle spielt Frau Holle?
Hat das Märchen einen Realitätsbezug?
Was sollen Kinder aus dem Märchen lernen, was Erwachsene?
Die beiden Mädchen gehen durch ein Tor von der einen zur anderen Welt. Fällt dir dazu ein Vergleich aus dem Leben ein?
Sterntaler

Viele Kinder lieben das Märchen vom Sterntaler! Wer kennt es nicht?
Ein kleines, bettelarmes Waisenmädchen, von allen verlassen und ohne Bleibe, geht voller Vertrauen in die Welt hinaus. Es hat ein gutes Herz und so gibt es das Wenige, was es noch hat, an andere, die es darum bitten: sein letztes Stückchen Brot, das es selbst von einem mitleidigen Menschen bekommen hat, und schließlich auch das letzte Kleidungsstück, das es noch am Leibe trägt. Als es ganz nackt ist und gar nichts mehr hat, regnen ihm plötzlich die Sterne als blanke Taler vom Himmel herab und es hat auch wieder ein Hemd an, mit dem es die Taler auffangen kann. Nun ist es reich für sein Legen lang.
Dieses Märchen brachten die Gebrüder Grimm bereits 1812 heraus. Es basiert auf viel älteren Märchenmotiven. Auch wenn es auf den ersten Blick fantastisch und kindlich klingt, ist davon auszugehen, dass es wie viele andere Märchen verschlüsselte Wahrheiten enthält, denn gerade im Einfachen liegt oft ein tiefer Sinn. Was Erwachsene zwar als sehr schön empfinden mögen, letztendlich aber als zu fantastisch und abwegig mit ihrem Intellekt zurückweisen, nehmen kleine Kinder oft intuitiv mit dem Herzen auf.
Anregungen:
Was ist die Hauptaussage des Märchens?
Was beeindruckt uns am Verhalten des Mädchens?
Inwieweit können wir uns mit dem Waisenmädchen vergleichen?
Wie müssten wir unser Leben verändern, um es dem Mädchen gleichzutun?
Was könnten die Sterntaler sinnbildlich bedeuten?
Schönheit & Harmonie

„Du kannst äußere Schönheit nicht sehen, wenn du nicht Schönheit in dir trägst. Du kannst das Schöne nicht verstehen, wenn du nicht selbst in deinem Innern schön bist. Du kannst Harmonie nicht verstehen, wenn du nicht selbst in deinen inneren Teilen Harmonie zum Ausdruck bringst. Alle Dinge von Wert sind in dir, und die äußere Welt gibt dir nur den Anreiz, die Anregung zur Betätigung der Fähigkeit des Verstehens in dir.“
Gottfried von Purucker: Goldene Regeln der Esoterik. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: Golden Precepts of Esotericism. Point Loma, 1931, 27 f.
„You cannot see beauty outside unless you have beauty within you. You cannot understand beauty unless you yourself are beautiful inside. You cannot understand harmony unless you yourself in your inner parts are harmony. All things of value are within yourself, and the outside world merely offers you the stimulus, the stimulation, of and to the exercise of the understanding faculty within you.“
In der Literatur finden wir ähnliche Zitate:

„Nie hätte das Auge je die Sonne gesehen, wäre es nicht selbst sonnenhafter Natur; und wenn die Seele nicht schön ist, kann sie das Schöne nicht sehen.“
Plotin (205 – 270), Begründer des Neuplatonismus (Enneaden I, 6 , Übersetzung: Georg Büchmann, 1889)

„Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken; läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt uns Göttliches entzücken?“
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832): Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827, Zahme Xenien, Kap. 3
Die Zitate bereichern die Erklärung menschlichen Wahrnehmens, Verstehens und Lernens um einen Aspekt, der in allen gängigen Theorien zu kurz kommt: Lernen als Wiederentdecken.
Anregungen:
Wie verhält sich nach diesen Zitaten die äußere wahrnehmbare Welt zur inneren Gedanken- und Gefühlswelt eines Menschen?
Wird einer der beiden Welten ein größeres Gewicht beigemessen, oder welche Rolle spielen sie füreinander?
Welche Rolle müssten den geäußerten Gedanken zufolge äußere Einflüsse wie Umwelt, Eltern oder Lehrer im Leben spielen?
Harmonie & Ethik

„Wenn ein Mensch harmonisch handelt, handelt er in Übereinstimmung mit universalem Plan und Gesetz; Harmonie in Gewissen und Denken und daher im Handeln ist es, was Menschen unter Ethik verstehen. Ethik ist keine Übereinkunft, Moral ist kein Übereinkommen. Beide wurzeln in der Harmonie und den zentralen Gesetzen des Seins. Sie haben ihre Basis in der Harmonie, die die wahre Struktur des Universums bestimmt.“
Gottfried von Purucker: Goldene Regeln der Esoterik. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: Golden Precepts of Esotericism. Point Loma, 1931, 108
„When a man acts harmoniously, he acts in accordance with the universal scheme and law; and harmony in consciousness and thought and therefore in action is what men understand by the term ethics. Ethics are not a convention; morals are not a convention; they are rooted in the harmony, in the central laws, of Being; they are based on the very structural harmony of the Universe.“
Wenn Menschen im Denken und Handeln übereinstimmen, bringen sie Ehrlichkeit in ihr Miteinander und begründen inneren Frieden. Heute herrscht die Vorstellung vor, dass Ethik und Moral eine menschliche Übereinkunft seien oder eine Einstellung des Glaubens, die wir kulturell und mit der Erziehung weitergeben. Ethik in einen universalen Zusammenhang zu stellen, ist eine neue Dimension des Denkens. Existiert Ethik losgelöst vom Menschen? Wenn aber Harmonie und Ethik in der Natur selbst liegen sollen und nicht erst aus dem Menschen kommen, brauchen wir eine Erklärung für die Ungerechtigkeiten und Fehler in der Natur.
Anregungen:
Wie verstehst du den Zusammenhang zwischen Harmonie und Ethik? Was haben beide Begriffe miteinander zu tun?
Hast du eine Idee, wie es trotz der ethischen Grundlage in der Natur zu Ungerechtigkeiten kommt?
Suche ein einfaches Beispiel für ethisches Handeln.
Hast du einmal gegen den Rat deines Gewissens gehandelt? Wie hast du im Nachhinein darüber gedacht?
Bei welchen Dingen ist es dir besonders wichtig, dass Menschen ethisch handeln?
Wurdest du in dieser Hinsicht schon einmal enttäuscht? Wie hat das dein Denken und Handeln verändert?
Karma: Das Wiegen des Herzens

Eine der bekanntesten und beeindruckendsten Darstellungen aus der ägyptischen Literatur ist das Totengericht: Das Herz eines Verstorbenen (linke Waagschale) wird gegen eine Feder (rechte Waagschale) aufgewogen. Nur wenn es so wenig befleckt ist, dass die Feder das Übergewicht gewinnt, entgeht das Herz dem grauenvollen Ungeheuer, das am linken Bildrand bereitsteht, es zu verschlingen. Der Gott Thot (Zweiter von links) zeichnet alles auf. Die Darstellung wird als ein Sinnbild der Gerechtigkeit interpretiert.
Anregungen:
Hat dieses Sinnbild Relevanz für unser wirkliches Leben, oder gehört es ganz in den Bereich der Mythologie?
Wofür kann das Herz stehen, wofür die Feder?
Welche Rolle spielt Gerechtigkeit in unserem Leben?
Karma: Zwei Seiten einer Münze

„Doch ,Gut‘ und ,Böse‘ sind relativ. Wir nennen etwas ,gut‘, wenn es uns gerade gefällt, und wenn wir es nicht mögen, sagen wir, es sei ,böse‘. Und doch stellt sich bisweilen heraus, dass gerade das Ding oder die Dinge, die uns zu einer Zeit nicht behagten, im Nachhinein sehr segensreich für uns waren, uns Glück und Gedeihen brachten oder zumindest Charakterstärke verliehen, und dies ist mehr wert als alle Schätze der Welt. Sie gaben uns Einsicht, erschlossen die Kräfte unseres Herzens, lehrten uns denken, kurz, sie machten Menschen aus uns.

Nichts stößt uns zu, was wir nicht am Anfang selbst verursacht haben. Wir streuten die Samen.“
Gottfried von Purucker: Goldene Regeln der Esoterik. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: Golden Precepts of Esotericism. Point Loma, 1931, 36 f.
„Yet ,good‘ and ,bad‘ are relative. We call things ,good‘ when they happen to please us, and when we do not like them, we say that they are ,bad‘. And yet the very thing or things which at the time you did not like in some cases have turned out splendidly for you, brought you good luck, brought you happiness, at the very least put strength of fiber into your character, which is worth more than all worldly treasures: they gave you insight, unlocked the powers of your heart, enabled you to think, in short made a man out of you.
Nothing happens to us which we ourselves did not engender in the beginning. We sowed the seeds.“
Anregungen:
Hast du einmal erlebt, wie scheinbar Übles sich im Endeffekt zu etwas Gutem gewandelt hat? Gib ein Beispiel.
Man sagt, jede Münze hat zwei Seiten. Wie kannst du das hierauf anwenden?
Was verstehst du unter Charakterstärke? Wie wichtig findest du sie bei einem Menschen?
Was könnten die im Zitat erwähnten „Samen“ bedeuten?
Wie könntest du die Ursache für „Übles“ in deinem Leben im Sinne des Zitats erklären? Wäre dir diese Erklärung verständlich? Würde sie dir gefallen? Warum oder warum nicht?
Versuche herauszufinden, welche Denkkonzepte der Theosophie hier angesprochen werden. Sind dir ähnliche Hinweise aus anderen Weltanschauungen bekannt?
Tipp für den Alltag: Versuche aus den Dingen des Alltags, die dir nicht gefallen, einen Hinweis abzuleiten, der in eine positive Richtung weisen könnte.
Karma: Die Summe des Lebens

„Jeder Mensch empfängt im Laufe seiner Leben zu gegebener Zeit genau das, was er für sich aufgebaut hat, nicht mehr und nicht weniger. Sobald er diese erhabene Wahrheit erkannt hat und von ihr überzeugt ist, wird er sein Antlitz der aufgehenden Sonne zuwenden, das bedeutet, er wird es zu seinem Ziel machen, ehrlich und aufrichtig durchs Leben zu gehen. Denn der Sinn für moralische und ethische Verantwortlichkeit wird dann in ihm erwacht sein …“
Gottfried von Purucker: Die Esoterische Tradition. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: The Esoteric Tradition. Point Loma, 1940, Vol. II, 665
„… every man receives in due course of time throughout duration just what he has builded for himself – neither more nor less, and that once he learns this sublime truth, and has become convinced of it, he will turn his face towards the rising sun – which is but a way of saying that he will endeavor to make his life straight and upright; for the sense of moral responsibility will have entered into him …“
Anregungen:
Welche Summe baut der Mensch in seinem Leben auf?
In welchem Verhältnis steht sie zu dem, was der Mensch im Leben empfängt?
Kennst du religiöse oder philosophische Konzepte, die Ähnliches lehren?
Welches Licht werfen die Schlüsselgedanken auf das Problem von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit im Leben? Was ist dein Standpunkt dazu?
Glaubst du, dass der dargelegte Sachverhalt, wenn er angenommen würde, zu der beschriebenen grundlegenden Änderung der Lebensweise führen könnte? Warum oder warum nicht?
Tipp für den Alltag: Überlege, für welche Dinge du dich innerlich verantwortlich fühlst. Kommt es vor, dass du anderen Menschen Verantwortung abnimmst, dafür jedoch eigene Pflichten oder drängende Aufgaben liegen bleiben?
Persönlichkeit und Individualität

Der Lehrer: Ich werde es dir sagen. Es ist die Persönlichkeit – das ist alles, und all die Übel, die von der Persönlichkeit ausgehen. Es ist nicht die Individualität, der göttliche, unteilbare, todlose und unsterbliche Teil von uns, der nie Tod oder Verfall schmecken wird, sondern die Persönlichkeit, die kleinen, geringen, kleinlichen, beschränkten und begrenzten Aspekte von uns, die eine dichte, undurchdringliche Atmosphäre um uns herum bilden, die kaum etwas anderes jemals durchdringen kann als unsterbliche Liebe. …
„Der Schüler: Teile mir bitte mit: Was hindert das Licht daran, den Menschen zu erleuchten, und was hemmt die Tätigkeit des inneren Gottes?
Der Lehrer: Ich werde es dir sagen. Es ist die Persönlichkeit – das ist alles, und all die Übel, die von der Persönlichkeit ausgehen. Es ist nicht die Individualität, der göttliche, unteilbare, todlose und unsterbliche Teil von uns, der nie Tod oder Verfall schmecken wird, sondern die Persönlichkeit, die kleinen, geringen, kleinlichen, beschränkten und begrenzten Aspekte von uns, die eine dichte, undurchdringliche Atmosphäre um uns herum bilden, die kaum etwas anderes jemals durchdringen kann als unsterbliche Liebe. … Den Weg zum inneren Wachstum beschreiten wir, wenn wir das Persönliche abwerfen, um unpersönlich zu werden, indem wir das Begrenzte abwerfen, von uns tun, um unsere Grenzen zu weiten. Wie kann das Küken dem Ei entschlüpfen, ohne die Schale zu zerbrechen?“
Gottfried von Purucker: Goldene Regeln der Esoterik. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: Golden Precepts of Esotericism. Point Loma, 1931, 87 f.
„The Disciple: Pray tell me what prevents the light from illumining man and what it is that inhibits the action of the inner god?
The Teacher: I will tell you. It is personality – that is all, and all the evils that flow forth from personality. Not individuality, which is godhood, the indivisible part of us, deathless and immortal, which tastes never of death nor of decay – but personality; the small, mean, petty, restricted, limited things which form a close and compact atmosphere around our being, and which scarcely anything except immortal love can ever penetrate. …
The way by which to grow ist o shed the personal in order to become impersonal: to shed, to cast aside, the limited in order to expand. How can the chick leave the egg without breaking ist shell?“

„Die Individualität ist der spirituell-intellektuelle und unsterbliche Teil von uns … Die Persönlichkeit ist der Schleier, die Maske, die aus den verschiedenen Hüllen des Bewusstseins zusammengesetzt ist und durch die die Individualität wirkt.“
Gottfried von Purucker: Esoterische Philosophie – Wörterbuch. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: Occult Glossary. Point Loma, 1933, 64:
„The individuality is the spiritual-intellectual and immortal part of us; … The personality is the veil, the mask, composed of various sheaths of consciousness through which the individuality acts.“
Anregungen:
Versuche zu beschreiben, was in der Theosophie „Persönlichkeit“ im Unterschied zur „Individualität“ genannt wird.
Versuche ein Beispiel zu finden, in dem Persönliches die Weiterentwicklung behindert.
Hast du einmal Persönliches aufgegeben, und wie ist es dir damit ergangen?
Seele und Geist

„Eine Seele ist eine Wesenheit, die durch Erfahrung evolviert; sie ist kein Geist, sondern ein Vehikel des Geistes. Sie manifestiert sich in der Materie, indem und weil sie ein substantieller Teil der niederen Essenz des Geistes ist. Der Geist manifestiert sich in sieben Vehikeln, und jedes dieser Vehikel ist eine Seele.“
Gottfried von Purucker: Esoterische Philosophie – Wörterbuch. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: Occult Glossary. Point Loma, 1933, 158 f.:
„A soul is an entity which is evolved by experiences; it is not a spirit, but it is a vehicle of a spirit …. It manifests in matter through and by being a substantial portion of the lower essence of the spirit. … The spirit … manifests in seven vehicles, and each one of these vehicles is a soul.“
Das Zitat wirft Licht auf die dreifache Zusammensetzung des Menschen aus Geist, Seele und Körper. Die Abbildung oben zeigt William Blakes allegorische Darstellung der Anziehung von Seele und Leib, könnte sich aber ebenso auch auf das Verhältnis von Geist und Seele beziehen.
Anregungen:
Versuche mit eigenen Worten wiederzugeben, welchen Zusammenhang zwischen Geist und Seele das Zitat beschreibt.
Auf welchem Weg wirkt der Geist auf die Materie ein?
Schlaf und Tod

„Der Tod ist genau und in allen Aspekten identisch mit dem Vorgang des ,Einschlafens‘. Wie bereits gesagt, besteht absolut kein Unterschied und auch keine wesentliche Unterscheidung irgendeiner Art zwischen den beiden.“
Gottfried von Purucker: Die Esoterische Tradition. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: The Esoteric Tradition. Point Loma 1935, Vol. II, 833:
„Death is precisely and in all aspects identical with this process of ,falling asleep‘. There is, as has already been stated, absolutely no difference nor essential distinction whatsoever between the twain.“

„Tod ist ein absoluter, ein vollkommener Schlaf, eine vollkommene Ruhe; Schlaf ist ein unvollständiger, ein unvollkommener Tod, oft von fieberhaften und aufregenden Träumen gestört, die auf die Unvollkommenheit der bewussten Wesenheit zurückzuführen sind, die das menschliche Ego ist – oder auch die Seele, wenn du sie so nennen willst. Tod und Schlaf sind Brüder. Was im Schlaf geschieht, geschieht auch beim Tod, jedoch auf vollkommene Weise. Was bei und nach dem Tod geschieht, geschieht auch, während wir schlafen, jedoch auf unvollkommene Weise.“
Gottfried von Purucker: Goldene Regeln der Esoterik. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: Golden Precepts of Esotericism. Point Loma, 1931, 59:
„Death is an absolute sleep, a perfect sleep, a perfect rest; sleep is an incomplete death, an imperfect death, and often troubled with fevered and uneasy dreams on account of the imperfection of the conscious entity – call it soul, if you like – which the human ego is. Death and Sleep are brothers. What happens in sleep takes place in death – but perfectly so. What happens in death and after death, takes place when we sleep – but imperfectly so.“
Hypnos (Schlaf) und Thanatos (Tod), oben dargestellt auf einem Kelchkrater (Athen, 510 v. Chr.), galten in der griechischen Mythologie als Brüder.
Anregungen:
Was sagen diese Zitate über den Tod aus?
Was sagen sie über den Schlaf aus?
Hältst du den Vergleich für hilfreich?
Der Tod – eine Trennung

„Über einen gewissen Zeitraum, der von dem dem Tod vorangehenden Intervall abhängt, zieht sich die Seele aus dem gealterten Körper zurück. Dieses Zurückziehen erklärt die sogenannte Zunahme der Symptome und physischen Erscheinungen des Alters, vor allem des hohen Alters. Im normalem Verlauf geht dieser Rückzug der Seele aber friedlich und ruhig vor sich. Es ist die Art der Natur, den Tod als stillen Segen und mit ihm Frieden und Harmonie eintreten zu lassen.“
Gottfried von Purucker: Goldene Regeln der Esoterik. Übersetzung aus dem englischen Original
Original-Zitat: G. de Purucker: Golden Precepts of Esotericism. Point Loma, 1931, 32:
„For a certain period of time, dependent upon the interval preceding death, the soul is withdrawing from the aged body. This accounts for the so-called advance in the symptoms and physical phenomena of age, of old age. But such withdrawal of the soul, in the normal course, is peaceful and quiet, and is Nature’s way of making death come as a quiet blessing of peace and harmony.“
Anregungen:
Was ist laut diesem Zitat die Ursache des Todes?
Lassen sich Rückschlüsse über die Natur der Demenz ziehen?
Wiedergeburt: Zusammenführung von Seelen

„Durch und mittels Reinkarnation treffen sich menschliche Seelen wieder, kommen sie wieder zusammen, zu ihrem Wohl oder Wehe, je nachdem. Wir blicken in die Augen eines Fremden, das heißt, eines Fremden für diesen Körper, in diesem Leben, und die Augen erkennen gewissermaßen intuitiv einen alten Freund. Augenblickliches Erfassen, schnelles Verstehen und magnetische Sympathie wirken zusammen. Reinkarnation trennt nicht, wie oberflächliche Kritiker irrtümlich angenommen haben; im Gegenteil, sie vereint. Wäre Reinkarnation nicht eine Tatsache in der Natur, fänden menschliche Wesen offensichtlich nicht wieder zusammen. Doch sie werden in regelmäßig aufeinander folgenden Leben beständig und ununterbrochen zusammengeführt, auch wenn es sein kann, dass dieselben Individuen aufgrund karmischer Ursachen nicht bei jeder Wiederverkörperung vereinigt werden.“
Gottfried von Purucker: Die Esoterische Tradition. Übersetzung aus dem englische Original
Original-Zitat: G. de Purucker: The Esoteric Tradition. Point Loma, 1935, Vol. II, 651:
„It is through and by means of reincarnation that human souls meet each other again, come together again, for their weal or for their woe, as the case may be. One looks into the eyes of a stranger, that is, a stranger to this body, in this life, and the eyes , intuitively as it were, see an old friend. Instant comprehension, quick understanding, and magnetic sympathy are there.
Reincarnation does not separate, as it has quite mistakenly supposed to do by superficial critics; on the contrary, it unites. Were reincarnation not a fact in Nature, human beings obviously would not be brought together again; and they constantly and continuously are reunited in the lives that follow each other in serial order, albeit it is quite possible that, due to karmic causes, the same individuals may not be reunited on every occasion when reimbodiment takes place.“
Anregungen:
Welche Konzepte der Theosophie werden hier angesprochen?
Versuche zu erklären, was es ist, das Menschen immer wieder zusammenführt.
Wohin willst du als Nächstes?