Philosophische Konzepte: Karma
Karma ist ein Konzept, das Licht auf Lebensprobleme aller Art wirft und Ansatzpunkte zu ihrer Lösung liefert. Wir beschränken uns auf einen ersten Umriss mit veranschaulichenden Beispielen. Interessierten empfehlen wir, sich in der Literatur einen eigenen und vertiefenden Eindruck zu verschaffen.
weitere Konzepte:

Auf diese Unterpunkte gehen wir ein:
1. Ursache und Wirkung als grundlegendes Ordnungsprinzip
2. Karma und Wiederverkörperung
3. Karma und die Einheit allen Seins
4. Karma und praktisches Leben
1. Ursache und Wirkung als grundlegendes Ordnungsprinzip
Wir leben in einem Kosmos, der von Ordnung durchdrungen ist. Die verschiedenen Himmelskörper bewegen sich nach zuverlässigen Gesetzen. Die Erde kreist im Einklang mit den anderen Planeten um die Sonne, und ihre Bahnen lassen sich exakt berechnen. So wissen Hobby-Astronomen genau, wann sie auf ihrem Beobachtungsposten sein müssen, denn astronomische Ereignisse wie Sonnen- und Mondfinsternisse sind sicher vorhersagbar. Die Jahreszeiten folgen regelmäßig aufeinander, und kein Gärtner muss befürchten, dass abgesehen von den Eisheiligen einmal der Winter direkt auf den Frühling folgt. Tausendmal mögen wir einen Gegenstand in die Luft werfen, doch ebenso oft fällt er uns wieder entgegen, anstatt weiter in die Höhe zu steigen. Am Ende unterlassen wir dieses unsinnige Spiel und akzeptieren das Gesetz. Wenn wir einen Samen in den Boden legen und für passende Bedingungen sorgen, wächst immer genau die Pflanzenart heran, die den Samen geliefert hat. Wer anderes erwartet, wird enttäuscht.

Isaac Newton (1643-1727)
Gemälde von Godfrey Kneller, 1689
actio = reactio
Diese Ordnung im Universum setzen wir als selbstverständlich voraus. Sie verleiht uns Sicherheit. Wollen wir aber unsere Welt von Grund auf verstehen, dann kommen wir um die Frage nicht herum, welche Ursachen diesen gleichbleibenden Abläufen zugrunde liegen. Denn intuitiv wissen wir, dass nichts ohne Ursache geschieht. Die Tatsache, dass jede Wirkung ihre Ursache hat und jede Ursache eine ihr entsprechende Wirkung erzielt, ist so offensichtlich, dass Isaac Newton sie in Bezug auf beobachtbare Dinge und Phänomene als sein drittes Axiom zu einem Naturgesetz erhoben hat: Actio = Reactio, das heißt, jede Kraftäußerung erzeugt eine gleich große Gegenkraft, die auf ihren Verursacher zurückwirkt. Jede Wirkung wird ihrerseits wieder zu einer Ursache. So entsteht ein weitverzweigtes Netz von Ursachen und Wirkungen, das die Ereignisse und Vorgänge unserer Welt beeinflusst und regelt.
Das Ordnungsprinzip macht vor dem Menschen nicht halt: All unsere Gemütsregungen, Gefühle, Gedanken und Handlungen sind Äußerungen von Lebenskraft und wirken als Ursache, und keine Ursache bleibt ohne Folgen. Hier kennt die Natur keine Ausnahmen oder Bevorzugungen, sondern folgt unbeirrbar ihrem Prinzip der Verknüpfung von Ursache und Wirkung. Während vor Gericht einem Täter das Strafmaß je nach Ursache oder Motiv zugemessen wird, beispielsweise ein Mensch, der aus Hunger gestohlen hat, milder beurteilt wird als jemand, der sich aus Habgier bereichern wollte, trifft eine Hitzewelle alle in der Region Lebenden gleichermaßen: Jung und Alt, Arm und Reich, Touristen, Tiere und Pflanzen. Bei einem Unwetter schwemmen Wassermassen alles hinweg, was ihnen im Weg steht, die Habseligkeiten eines Armen und die Villa eines gut Betuchten.

sensibles Spinnennetz
Doch auch wenn die Natur so unbestechlich ist, wie wir es uns von Menschen nur wünschen können, ist sie nur scheinbar indifferent in ihren Rückwirkungen, denn sie nimmt sehr genau wahr, welche Kraft, welche Färbung oder welchen Charakter eine Ursache hat. Wie eine Spinne an den Schwingungen ihres Netzes spürt, wo sich eine Beute verfangen hat oder wie groß und kräftig sie ist, so registriert das Ursache-Wirkungs-Netz in der Natur genau die Qualität der Ursachen und leitet entsprechende Schwingungen weiter. Wenn ich einen Teller zerbreche, macht es einen großen Unterschied, ob ich ihn aus Unachtsamkeit aus der Hand fallen lasse oder aus Wut gegen die Wand werfe. Beides ist ein Ausdruck meiner Lebensenergie, aber sehr unterschiedlich gefärbt. Wenn ich erst einmal Energie mit Färbung versehen und in die Welt gesetzt habe, bahnt sie sich unbeirrbar ihren Weg und kehrt wie ein Bumerang treffsicher zu mir zurück.
Die Ursachen für solche Rückwirkungen treten nicht immer offen zu Tage, denn oft sind sie mit anderen vermischt oder liegen so weit in der Vergangenheit zurück, dass wir die Angemessenheit ihrer Wirkungen nicht mehr erkennen können.
Ein Beispiel: A überholt mit seinem Auto B in einem riskanten Manöver. B fühlt sich provoziert und will A bei der nächsten Gelegenheit zeigen, dass er über noch mehr PS verfügt. Ein Entgegenkommender kann nicht schnell genug ausweichen, es kommt zu einem katastrophalen Unfall. Darüber verpasst A seinen geplanten Flug nach Australien und entgeht so einem Flugzeugabsturz, der ihn sicher das Leben gekostet hätte. Das Unglück hat sich für ihn als Glück erwiesen. Den Faden der Auswirkungen können wir lange weiterspinnen, wir können ihn aber auch in umgekehrter Richtung mit Blick auf die Ursachen verfolgen. Was bewegte A zu seinem Risikoverhalten – wollte er seinen Flug nicht verpassen? Warum kam er überhaupt unter Zeitdruck? Warum fühlte sich B provoziert? Hatte er vorher Frustration oder Ärger am Arbeitsplatz erlebt? Warum befand sich der Unbeteiligte zu der Zeit genau an dieser Stelle? Das alles ist für uns undurchsichtig, und wir beschreiben es aus Unwissenheit als eine tragische Verkettung von Umständen.
Während in dem sichtbaren physischen Teil der Natur die Abfolge von Ursache und Wirkung weitgehend vorgegeben ist, also beispielsweise auf die Nacht immer der Tag folgt, sind die Reaktionen in der Ursache-Wirkungs-Kette beim Menschen alles andere als voraussagbar. Wären sie es, dann wäre unser Leben seit dem Auftreten einer ersten Ursache exakt vorherbestimmt, und es gäbe weder die Freiheit des Willens noch eine selbstbestimmte Entscheidung – eine unerträgliche Vorstellung. Menschliche Reaktionen können zwar mit Algorithmen eingeschätzt werden, erfolgen aber nicht automatisch, denn wir haben immer einen Ermessensspielraum.
So hätte B nicht unbedingt aggressiv auf A reagieren müssen, er hätte ruhig und aufmerksam weiterfahren können. Wir sind nicht gezwungen, reflexmäßig emotional zu reagieren, sondern können jeder Handlung Gedanken vorschalten oder eine Grundhaltung entwickeln, die unser Tun in andere Bahnen lenkt. Auf diese Weise können wir die Ursache-Wirkungs-Kette in unserem Rahmen bewusst beeinflussen und gestalten. Hätte also B beizeiten gelernt, sich mehr im Griff zu haben, oder hätte sich A eine angemessene Zeitplanung angewöhnt, hätte der Unfall vermieden werden können. Aber dann wäre A wahrscheinlich mit dem Flugzeug abgestürzt.
Kann es überhaupt sein, dass A und B und der entgegenkommende Autofahrer zufällig zusammengetroffen sind, dass A zufällig in Eile und B zufällig gereizt war? Kann es irgendetwas geben, das außerhalb des Gefüges von Ursache und Wirkung existiert? Oder ist es möglich, dass zu manchen Zeiten das Gesetz herrscht, dann aber wieder der Zufall? Dies ist logisch ausgeschlossen, denn entweder existieren Gesetz und Ordnung oder Chaos und Zufall. Beides ist nicht miteinander vereinbar. Selbstverständlich gibt es Wirkungen, die wir keiner Ursache zuordnen können. Das widerlegt aber nicht das grundlegende Prinzip, sondern liegt an unserem Unwissen. Wir erkennen die Ursache nicht, weil wir die Zusammenhänge noch nicht durchschauen. Was wir aus Unwissen Zufall nennen, findet eine Erklärung, wenn wir dazugelernt haben. So wundert sich niemand mehr, wenn er den Lichtschalter betätigt und es hell wird. Wer aber nichts vom Stromkreis weiß, wird die Aufeinanderfolge am ehesten für Zufall halten.
Das grundlegende Naturprinzip, das Gesetz von Ursache und Wirkung, hat in der Theosophie den technischen Namen Karma. Dieser Begriff ist in weiten Teilen der Welt bekannt, besonders im asiatischen Raum. Auch im Westen ist er durch H. P. Blavatskys Wirken verbreitet, wird heute allerdings eher im Sinne von Schicksal und ohne wirkliches Verständnis seiner Bedeutung und Reichweite verstanden.
2. Karma und Wiederverkörperung
In einer Welt, in der Ursachen und Wirkungen einander immer genau entsprechen, dürfte es eigentlich keine Ungerechtigkeiten geben. Dennoch kann jeder ohne langes Nachsinnen Beispiele aufzählen, in denen Menschen krasses und schwer erträgliches Unrecht widerfährt, sie ohne erkennbare Ursache mitunter ihr Leben lang in unwürdigen Zuständen existieren, täglich Gewalt, Hunger und Angst ertragen müssen, abgrundtiefes Leid erfahren und keine Aussicht auf Hilfe haben.
Schon viel leichtere Fälle lassen uns an der Gerechtigkeit im Leben zweifeln: C ist ein netter Kerl, arbeitet hart und feiert nie krank, ist grundehrlich und kommt im Leben trotzdem auf keinen grünen Zweig. D ist von Haus aus reich, gönnt sich jeden Luxus, behandelt seine Mitmenschen mit Geringschätzung und Hochmut und setzt seinen Willen unnachgiebig durch. Womit hat D seine Besserstellung verdient? Und kann er sein egozentrisches Verhalten ewig so weiterführen? Hat andererseits C irgendeine Aussicht, dass sein soziales Verhalten einmal belohnt wird? Warum hat ein Mensch oft Glück, während ein anderer vom Pech verfolgt scheint? Warum sieht ein Mensch toll aus, hat Charisma oder ist mit ungewöhnlichen Talenten begabt, während ein anderer mit körperlichen Mängeln geboren wurde und abstoßend wirkt oder sein IQ auffallend unter dem Durchschnitt liegt?
Individuelle Ungerechtigkeiten lassen sich oft erst erklären, wenn wir den Blick über längere Perioden ausdehnen, also über die kurze Episode eines einzigen Menschenlebens hinaus.
Ohne die Wiedergeburt ist Karma nicht denkbar. Daher gehören diese beiden unbedingt zusammen. Sie erklären und ergänzen sich gegenseitig. Wir erzeugen an jedem Tag, ja in jeder Stunde und Minute viele Ursachen, die sich nicht alle sofort auswirken können. Dadurch werden sie aber nicht ausgelöscht. Sie häufen sich vielmehr an, und diese unzähligen karmischen Ursachen oder Samen ruhen so lange, bis sich eine Gelegenheit zu ihrer Auswirkung ergibt. Dann genügt ein kleiner Anstoß, um sie in Aktion zu versetzen, sozusagen wachzuküssen, und sie entfalten ihre Wirkung unaufhaltbar. Die Ursachen, die sich bis zu unserem Tod nicht ausgewirkt haben oder auswirken konnten, erzwingen eine weitere Verkörperung auf dieser Erde. Sie ziehen uns gewissermaßen hierher zurück, wenn unsere Ruhephase nach dem Tod beendet ist.
Niemand lebt für sich allein. Mit dem, was wir fühlen, denken, entscheiden und tun, beeinflussen wir daher nicht nur uns selbst, sondern auch alle Menschen unserer Gemeinschaft. So erzeugen wir neben individuellem Karma, das sich als Erkrankung oder Glück äußern kann, auch gemeinsames Karma wie wirtschaftliches Wohlergehen oder Epidemien.

Schon Säuglinge bringen einen individuellen Charakter zum Ausdruck
Bei der Wiedergeburt bringen wir den im vergangenen Leben erworbenen Charakter oder Erfahrungsschatz mit. So ist es erklärlich, dass sich schon Säuglinge sehr voneinander unterscheiden. Der Charakter entfaltet sich im Laufe des Lebens weiter, seine anfangs noch latenten Eigenschaften treten nach und nach zu Tage. Ebenso begleiten uns die karmischen Samen, die wir einmal erzeugt haben. Pech oder Glück in diesem Leben sind keine zufälligen Ereignisse, sondern Folge von Gedanken und Taten in vergangenen Leben. Auch das Elternhaus und die Verhältnisse, in die wir hineingeboren werden, sind selbsterworbenes Karma. Uns erwarten Aufgaben, die wir bisher nicht erfüllt haben, und Menschen, denen wir noch etwas schuldig geblieben sind. Ebenso erwartet uns das ausstehende Karma unserer Familie, unseres Landes und unseres Kulturkreises. Das Märchen der Gebrüder Grimm von Dornröschen hat einen viel tieferen Sinn, als allgemein angenommen wird, und spielt sehr direkt darauf an.

Dornröschen – vom Prinzen wachküsst
Darstellung von Ludwig Richter (1803-84)
3. Karma und die Einheit allen Seins
Der Grundton der Natur ist Ordnung, Symmetrie und damit Harmonie. Die verschiedensten Pflanzen und Tiere leben so zusammen, dass jede und jedes eine ökologische Nische findet, in der sie oder es sein eigenes Leben führen und zugleich ihren oder seinen Beitrag zur Gemeinschaft leisten kann. In einem vielschichtigen und undurchdringlichen Gewebe von Ursachen und Wirkungen sind alle Wesen miteinander verbunden, beeinflussen sich wechselseitig und ergänzen sich zu einem Ganzen. Die Ursachen und Wirkungen verteilen sich so ausgewogen, dass trotz aller individuellen Unterschiede und scheinbaren Rivalitäten ein harmonisch aufeinander abgestimmtes biologisches Gleichgewicht resultiert.

Eine Blumenwiese – ein perfektes Ökosystem
Die Natur ist beständig in Bewegung und in Veränderung begriffen. Sie kann gar nicht anders, denn sie besteht aus im Wachstum befindlichen Wesen. Dennoch pendelt sich das harmonische Gesamtbild aller Lebewesen unentwegt wieder neu ein.
Ein Waldbrand, ausgelöst durch eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe oder durch einen vom Blitz getroffenen Baum, zerstört eine grüne Oase, verwandelt sie in einen verkohlten Landstrich und vernichtet unzählige Lebewesen. Doch in wenigen Jahren ist alles wieder begrünt, und neue Arten haben sich angesiedelt. Die Natur hadert nicht mit ihrem Schicksal, sondern schließt die Wunde selbsttätig und ohne Hast, indem Leben überall dorthin fließt und sich ausdehnt, wo Möglichkeiten dazu bestehen.

Ein Waldbrand zerstört, schafft aber auch Grundlagen für neues Wachstum.
Laut der theosophischen Philosophie geht die Einheit und Harmonie aller Wesen in der Natur auf ihren gemeinsamen Ursprung zurück: Sie alle entstammen einer Quelle, die wir als den Logos unseres Universums bezeichnen können, und beziehen ihre Vitalität und ihr Bewusstsein aus dieser geistigen Essenz. Alle haben daher einen gemeinsamen innersten Kern und identische Potenziale, die sie durch schrittweise Evolution zum Ausdruck bringen können. Dieses gemeinsame Innerste verbindet sie wie ein goldener Faden, verknüpft so Schicksal mit Schicksal und wirkt in der Stille für die Gemeinschaft.
Wenn alle Lebewesen in der Essenz eins sind, wie kommt es dann, dass sie als Individuen so verschieden sind? Was ist der Grund für die Unterschiede zwischen den Naturreichen und die schillernde Vielfalt der Lebensformen, die wir wahrnehmen? Die Ursache, sagt die Theosophie, liegt in den Gesetzen der Evolution und im Gebrauch des freien Willens. Jedes individuelle Wesen muss verschiedene Entwicklungsphasen (zum Beispiel das Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenstadium) nacheinander und aufeinander aufbauend durchlaufen und die zugehörigen Lektionen lernen. Da es aber über ein mehr oder weniger großes Maß an freiem Willen verfügt, kann es in begrenztem Umfang darauf Einfluss nehmen, auf welche Art und in welcher Reihenfolge es seine Potentiale entfaltet. Die Natur lässt ihm dazu Zeit und Freiheit, sorgt aber dafür, dass es keinen Entwicklungsschritt überspringt.
Nun sehen wir in unserer Welt nicht nur Streben nach Harmonie, sondern auch Uneinigkeit, Streit und Krieg. Diese sind auf keinen Fall naturgegeben, sondern gehen in aller Regel vom menschlichen Denken aus, denn der Mensch ist das einzige Wesen, das seinen Willen der Ordnung und Harmonie in der Natur entgegenstellen kann. Warum tun wir das? Das liegt daran, dass uns die Einheit allen Seins nicht immer bewusst ist. Wir haben unsere Rolle in der Natur noch nicht erkannt oder gefunden und wollen lieber unserem eigenen Willen und unseren Wünschen folgen als zur Harmonie in der Natur beitragen. Treffen wir dann eine Wahl, die wir aus unserer Sicht für gut halten, die aber das Zusammenleben erschwert oder Konflikte erzeugt, dann richten wir unseren Willen gegen die natürliche Harmonie und verursachen sozusagen eine Störung, die früher oder später eine karmische Ausgleichsbewegung auslöst. Die Gegenregulation kann über viele Stationen weitergeleitet werden, erreicht uns am Ende aber in jedem Fall. Dann mag sie wie ein Gewitter über uns kommen, im Ganzen gesehen aber stellt sie die Harmonie wieder her.
Wenn zum Beispiel Bewohner eines Mietshauses die Wichtigkeit der Gehwegreinigung unterschiedlich einschätzen, das heißt der eine regelmäßig fegt, Unkraut und Papier entfernt, der andere aber häufig keine Lust zu dieser Aufgabe hat, kommt es schnell zu Streit vor der eigenen Haustür. Die Disharmonie wird uns nicht unberührt lassen und langfristig schaden. Die Erfahrung kann uns lehren, umzudenken und in solchen Situationen aufeinander zuzugehen.
Solche Streitereien sind ebenso karmische Folgen wie im größeren Maßstab wiederholte Kriegsausbrüche. Letztere sind ein sicheres Zeichen dafür, dass die Menschheit als Ganzes aus vergangenem Leid nicht gelernt hat und die Menschen in der Vergangenheit weiter Ursachen der Disharmonie gelegt haben. Langfristig können wir lernen, auf die Stimme der Natur zu hören und ihrem Drang zu Harmonie, Ordnung, Zusammenarbeit und Einheit nachzugeben, ja ihn uns anzueignen. Dieser Drang ist grundlegend und wirkt als Triebfeder im Universum.
4. Karma und praktisches Leben
Die Zusammenhänge von Karma und Wiedergeburt sind mehr als eine interessante Theorie, die wir intellektuell erfassen und dann ad acta legen können. Wenn wir uns ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen, können sie sich auch erheblich auf die Gestaltung unseres eigenen Lebens auswirken.
Zunächst einmal verkünden sie eine willkommene Botschaft: Wir sind nicht Spielball oder Opfer unseres Schicksals, sondern können es durch unser Denken, unser Wollen und unsere Entscheidungen selbst beeinflussen und gestalten. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Alles das, was wir erleben und sind, haben wir selbst verursacht oder als Teil einer Gemeinschaft zumindest mitverursacht. Wir sind verantwortlich für das, was wir aus uns oder unserer Welt machen. Wir ernten die Konsequenzen und müssen die Suppe eines Tages auslöffeln! Wer in seinem Inneren diese Überzeugung gewinnt, wird den Wunsch verspüren, seiner Verantwortung besser gerecht zu werden.
Wie können wir unser Schicksal bewusst gestalten? Wohin wollen wir uns entwickeln? Wie können wir uns als ein Teil des Ganzen sinnvoll mit unseren menschlichen Qualitäten einbringen, um zu einer gut funktionierenden Gemeinschaft beizutragen? Bevor wir diese Fragen sinnvoll beantworten können, müssen wir unser Denken ordnen und eine klare Vision von dem Ziel erlangen, das wir erreichen wollen. Bei der Wahl des Weges ist auch zu berücksichtigen, dass der Zweck nicht jedes Mittel heiligt: Frieden ist nicht durch Krieg zu erreichen und Übereinstimmung nicht durch Zwang.
Die Schwierigkeiten mag ein bekanntes Beispiel erläutern: Wir alle haben von idealistischen Menschen gehört, die sich für Klimaziele einsetzen, indem sie sich auf der Straße festkleben und demonstrieren. Damit stoßen sie jedoch bei Berufspendlern und Krankenfahrdiensten unweigerlich auf Unverständnis, teilweise auf Gegenwehr. Die gute Absicht ist verdorben, weil sie mit ungeeigneten Mitteln verfolgt wurde. In der Natur geht es nie darum, Recht zu haben oder Recht zu bekommen. Ihr Ziel ist harmonisches Zusammenwirken. Streit ist das genaue Gegenteil.
Wenn wir also ein Ziel ins Auge gefasst haben, sollten wir uns zunächst vergewissern, ob wir es gemeinnützig und ohne Schaden für andere umsetzen können. Dann wäre ein guter Weg, erreichbare Zwischenziele zu setzen und immer wieder anzupassen. Diese Zwischenziele können wir dann auf friedlichem Wege konsequent anstreben, denn wir überschauen die Hindernisse und können sie einkalkulieren. Ohne Beständigkeit, Liebe zu unserem Tun, Disziplin und einen überzeugten Willen wird uns das jedoch nicht gelingen. Ohne diese Voraussetzungen ist es nahezu unausweichlich, dass die Zwischenziele so schnell in Vergessenheit geraten wie die guten Vorsätze zu Neujahr. Selbstbetrug und Ausreden lassen uns schon am Beginn scheitern. Doch jede eigene Anstrengung stärkt uns, prägt sich uns auf und kann nie verloren gehen. Zu gegebener Zeit „zahlt sie sich aus“.
Karmische Folgen sind keinesfalls als Bestrafungen zu verstehen, sondern eher als Schulden, die wir abtragen müssen, und als Herausforderungen, die Fortschritte in unserem emotional-geistigen Wachstum erst ermöglichen. Der eine erlebt sie früher, der andere später. Ein Mensch, bei dem es im Leben immer gut geht, der keine Schwierigkeiten überwinden muss, hat viel weniger Gelegenheit zum Lernen und ist in diesem Sinne viel schlechter dran als ein Mensch, der viele Hürden überwinden muss, an denen er wachsen und sein Karma abarbeiten kann. Niemand kennt die karmische Last, die sich vielleicht in mehreren Häppchen über sein ganzes Leben verteilt oder ganz plötzlich über ihn hereinbricht und ihn von jetzt auf gleich von einem glücklichen erfolgreichen Menschen zu einem verachteten Versager macht oder von einem Leistungssportler zu einem Schwerstbehinderten. Karmische Rückschläge hemmen nicht nur unseren Übermut und mahnen zu Bescheidenheit. Sie geben uns auch Gelegenheit, über uns nachzudenken und erforderliche Änderungen einzuleiten.
Ohne Selbstreflexion und ein gesundes Maß an Selbstkritik ist es nahezu unmöglich, aus Fehlern zu lernen. Ein Mensch voller Lethargie, Selbstgerechtigkeit oder Starrsinn, der weder handlungsfähig ist noch Kompromisse eingehen kann, noch ein offenes Ohr für jemandes Rat hat, wird seine wertvolle Lern- und Lebenszeit verschwenden. Andere Menschen wird er nie verstehen und seine eigene Verantwortung für seinen Misserfolg erst begreifen, wenn Karma ihn dazu zwingt. In den täglichen Angelegenheiten machen wir leider allzu oft dieselben Fehler wieder und wieder, und das mit immer den gleichen Folgen. Solange wir es nicht schaffen, aus Widrigkeiten zu lernen und Konsequenzen zu ziehen, solange wir unsere gewohnten Denkweisen nicht infrage stellen können oder wollen, zementiert sich unser eingefahrenes Verhalten weiter, und es wird immer schwerer, es eines Tages einmal abzuändern.
Wenn wir eine schwierige Zeit überstanden haben, empfinden wir oft im Nachhinein, dass sie auch ihr Gutes hatte, selbst wenn wir „Federn lassen“ mussten. Was wir zunächst als Unglück ansahen, erweist sich in vielen Fällen im Nachhinein als Schutz vor Schlimmerem. Es lehrt uns vielleicht Vorsicht, oder es verleiht uns Charakterstärke, führt zur Unterscheidung von wahren und falschen Freunden oder bestärkt unseren Glauben an das Gute.
Es kommt noch ein weiterer Faktor im praktischen Alltagsleben hinzu. Wissen begründet Verantwortung. Wer aus Unwissenheit Fehler begeht, muss selbstverständlich für sie geradestehen, aber dies gilt in noch viel größerem Maße für den, der wissentlich und vollkommen bewusst falsch handelt. Da Karma nicht nur physisch, sondern auch psychisch, emotional und intellektuell auf uns zurückwirkt, bekommen wir sehr komplexe Auswirkungen zu spüren. Wer weiß, dass er etwas Unrechtes vorhat oder tut, und dies spürt, kann Abstand davon nehmen. Vielleicht hast du auch schon einmal vor wichtigen Entscheidungen eine leise warnende innere Stimme vernommen? Das ist ein Beispiel für die Reaktion des inneren Menschen, unseres höheren Ichs, auf unser Denken und Tun, denn dieser innere Mensch schaut uns zu, dem fehlbaren persönlichen Menschen, dem kleineren oder niederen Ich, und liest seine Motive. Weil er die Folgen kennt, warnt er uns vor unüberlegten Handlungen oder drängt unser Herz zu rechten Taten. Es ist immer ratsam, auf diese innere Stimme zu hören, besonders dann, wenn wir über unser Tun im Zweifel sind.
Auf keinen Fall sollten wir auf einen vom Schicksal Getroffenen mit dem Finger zeigen, weil er offensichtlich etwas ausgefressen habe und selbst schuld an seinem Leid sei. Niemals! Als Menschen verfügen wir über Mitleid und Mitgefühl. Es ist unsere menschliche Aufgabe und Pflicht, diese Qualitäten einzusetzen und alles Sinnvolle zu tun, um das Leid eines anderen erträglich zu machen. Wer Leid sieht und doch nicht hilft, schafft für sich selbst eine Zukunft, in der er seine menschliche Pflicht durch eigenes Leid lernen muss und lernen wird. Erkenntnis, Mitgefühl und Lebensweisheit sind Früchte eines humanen Lebens und Zeichen unseres inneren Wachstums. Sie fallen uns nicht in einem einzigen kurzen Leben in den Schoß, sondern sind Ergebnisse unzähliger Wiederverkörperungen und sie begleitender Lernprozesse.
Wenn wir alles, was wir erleben, Positives und Negatives, neutral als Karma auffassen, als notwendige Folge eigenen Denkens und Verhaltens, stellt sich eine gewisse Gemütsruhe ein, und wir hören auf, gegen Unerwünschtes zu revoltieren. Der Grashalm, der sich im Sturm biegt, richtet sich nach dem Unwetter wieder auf, während der starre Ast bricht.
Weiterführende Information:
Wohin willst du als Nächstes?